Fotografie

Der Auszug der Israeliten aus Ägypten

In die Dunkelheit

Schwarz. Aus der Bildmitte drängen helle Körper nach vorne oder verlieren sich im Hintergrund. Nackte Menschen in Rückenansicht ineinander geblendet, gebeugt, mit gesenktem Kopf, einer ist in die Knie gesunken. Konturen verschwimmen. Einzelne sind transparent, werden erst in Überblendungen körperhaft. Durch variierte Farbwerte entstehen abstrakte Formen. Die vorderste Figur ist vom Bildrand angeschnitten und nur schemenhaft erkennbar. Sie zieht uns mit der anonymen Prozession in die Bildtiefe. Ihr Ziel bleibt ungewiss, sich im Un-Ort des schwarzen Bildgrunds verlierend, ebenso undefiniert wie Herkunft und Identität der Figuren.

Bei den Passionsspielen von Oberammergau wurde das Tableau Vivant der „Durchquerung des Roten Meeres“ 2010 erstmals aufgeführt. Es steht in Zusammenhang mit Jesus‘ Bergpredigt bei Bethanien und veranschaulicht die existenziell bedrohliche Lage des jüdischen Volkes beim Auszug aus Ägypten und der Anhänger Jesu nach dessen Tod: vertrieben, heimatlos auf der Flucht. Zugleich gibt sie Aussicht auf Freiheit, als Lohn für den beschwerlichen Weg. Der Fotograf und Zeichner Christoph Heek (*1961) findet mit der Reduktion der Bildmittel einen starken Ausdruck für die existenzielle Bedrohung durch Terror und Angst: Nackte Körper, ihrer Besitztümer und Individualität beraubt. Durchsichtigkeit wird zum Sinnbild für ihre Hilf- und Mittellosigkeit. Mittels Überlagerung von Einzelfotos wird Bewegung auf die Fläche gebannt. Die daraus resultierende Auflösung der Figuren in der Masse umschreibt metaphorisch die Aufhebung von Zeit und Ort.

Zum einen hebt Christoph Heek die biblische Forderung unbedingten Gottvertrauens hervor. Zum anderen deutet er die religiöse Botschaft neu und bezieht sie auf den aktuellen Nahost-Konflikt, indem er einige der Figuren mit der Kufiya ausstattet. Das so gennannte „Palästinensertuch“ wird mit dem palästinensischen Volk und dessen einstigem Präsidenten Jassir Arafat assoziiert. Mit dieser Verlagerung in einen aktuellen Kontext berührt Heek eines der dringlichsten Probleme unserer Zeit: Wie können Völker unterschiedlichen Glaubens friedlich zusammenleben? Indem er die christliche Botschaft aktualisiert, verweist er auf Gemeinsamkeiten zwischen der Situation des palästinensischen Volkes und dem biblischen Schicksal der Juden: Beide leiden unter Vertreibung und Verfolgung. Obwohl sie verfeindet sind, teilen sie vergleichbare Geschichte – ein Schlüssel zum gegenseitigen Verständnis?

Andrea Günther (Text zur Arbeit „Der Auszug der Israeliten aus Ägypten“ aus dem Fotoprojekt „world in passion“)

open shutter nights [2009]

 

Der eigene Schlaf ist für den Schlafenden stets unsichtbar.

Bei den Arbeiten der Serie „open shutter nights“ dokumentiert jedes Foto eine vollständige Schlafperiode. Es fehlt nicht eine Sekunde, denn der Kameraverschluss wurde geöffnet, wenn das Licht zum Schlafen ausgeschaltet wurde, und erst dann geschlossen, wenn der Schlafende erwachte. Ruhe und Bewegungen wurden erfasst, wenngleich die Bewegungen aufgrund ihrer Kürze nicht unbedingt auf dem Foto sichtbar sind. Jede Nacht hat ihren eigenen Ablauf .

the secret life of books

 

Bücher sind Container, die mit Wissen und Kulturgut aber auch mit Formen gefüllt sind. In „the secret life of books“ wurden ausgewählte oder auch zufällig gefundene Bücher unterschiedlichster Genres Seite für Seite erfasst und so übereinander montiert, dass jeweils eine durchleuchtungsartige Sicht durch die Bücher entsteht. Dabei offenbaren die Bücher oft Unvermutetes. Durch diesen Prozess der Verdichtung treten formale, manchmal auch inhaltliche Aspekte in den Vordergrund. Immer aber offenbart sich eine neue Sicht, die sonst verborgene Aspekte und Formen offenlegt und zu einer veränderten Wahrnehmung des untersuchten Buches führt.

multiples

sind künstlerische Arbeiten, die aus einer bestimmten Anzahl von seriell hergestellten Objekten bestehen und vom Künstler als Multiple autorisiert sind. Die Einzelobjekte sind dabei materiell, ästhetisch und ökonomisch gleichwertig. Jedes Objekt verweist gleichzeitig auf Existenz und Abwesenheit der anderen Objekte.

Hier verweist der Begriff neben dem Hinweis auf die der Fotografie eigenen Möglichkeit des Reproduzierens eines Werkes aber auch auf die Entstehung des gezeigten Bildes selbst. Mit zwei unterschiedlichen Kameras wurde hier jeweils eine identische Situation aufgenommen und diese zwei Bilder wurden so zusammenmontiert, dass die Unterschiede dieser beiden Betrachtungsweisen herausgearbeitet und betont wurden. Es sind zwei Sichtweisen auf ein und dasselbe, bei dem Gemeinsames und Trennendes zu Tage tritt. Diese Serie ist selbst ein Diskurs über Aspekte menschliche Wahrnehmung und Interaktion.

 

 

landscape q

Einen nur scheinbaren Bruch in der Werkgenese markiert die seit 2005 entstehende Werkserie „landscape q“ in der sich Christoph Heek dem Genre der Landschaft zuwendet. Es handelt sich um die niederrheinische Tiefebene, die geprägt ist von monotonen agraischen Nutz- und Weideflächen, in denen allenthalben die Horizontale herrscht. Als ereignislose Folie dient sie hier einer experimentellen Bildanalyse, die buchstäblich in einem sezierenden Akt Fläche und Raum gewinnt. Konkret begrenzt Christoph Heek den Einfall des Lichtes in eine einfache Lochkamera durch zwei Rasierklingen.

Durch den Eingriff gewinnt die Transformation der Landschaft im Bild eine überraschende ästhetische Eigendynamik. So wandeln sich etwa massige Tierkörper von grasende Kühen in graue Rechtecke, und unscheinbare Lichtpunkte von Weidelandschaften summieren sich zu gestreckten Farbflächen, in denen weiterhin die Horizontale dominiert. Eine Essenz von Landschaft an der Grenze des Sehens mag man meinen.

In „landscape q“ lotet Christoph Heek den schmalen Grad aus zwischen dinglicher Erkennbarkeit und beginnender Abstraktion. Letztlich entwickeln die fotografischen Bildresultate in ihrer ästhetischen Disposition eine unerwartete Farbautonomie. Was bleibt ist reine Bildlichkeit.

aus einem Text von Dr. Christoph Schaden, Köln 2005

 

 

stills

als stills werden normalerweise selektierte Einzelbilder aus bewegten Filmsequenzen bezeichnet. Sie frieren die Handlung ein und verdichten sie idealerweise so, dass Wesentliches aus dem Gesamtwerk anschaulich wird. In meiner Arbeit „stills“ möchte ich aber noch einen weiteren Aspekt offenlegen. So zeigen diese aus dem fahrenden Auto fotografierten Lochkamerabilder von Landschaften gleichsam eine aus einer bewegten Situation aufgenommene aber im wesen statische Landschaft. Es ist also der Standpunkt des Rezipienten, der sich hier bewegt und ein Teil dieser Veränderung des Standpunktes wird in der Langzeitaufnahme fotografisch dokumentiert. Nur scheinbar bewegt sich das Beobachtete. Diese Form der Wahrnehmung bezieht sich auf das „Panta rhei“ und hinterfragt unsere oft als sicher und stabil geglaubte Sicht auf die Dinge des Lebens.

 

 

conditio humana

Mit der seit 2004 entstandenen Werkserie „conditio humana“ lenkt Christoph Heek abermals in radikaler Weise seinen Blick auf Bedingungen der eigenen Körperlichkeit. Der nackte Leib bildet diesmal den Ausgangspunkt, von dem aus die zentralen Fragen der menschlichen Existenz zu erörtern gilt. Isoliert vor monochrom-dunklem Hintergrund, der in der Anschauung jede räumliche Zuordnung verweigert, entwickeln die konturierten Körperinszenierungen ein verstörendes Spektrum an fotografischen Zerrbildern. In Anlehnung an serielle Bildfindungen, die im 19. Jahrhundert Edweard Muybridge erprobt hat, thematisieren einige Bildarbeiten etwa das Moment des Ephemeren, andere Arbeiten wiederum legen mittels Unschärfe die existenziellen Abgründe im Baconschen Sinne frei.

Der Verweischarakter der Fotografie, der im kollektiven Gebrauch gemeinhin als Vergewisserung des eigenen Lebens eingesetzt wird, scheint in den Bildern von Christoph Heek sein tröstliches Potential verloren zu haben. Die hockende Kreatur, gekrümmt, gesichtslos und allein, mutiert im Bild selbst zu einem Fragezeichen, das unweigerlich selbst im Gedächtnis haften bleibt.

aus einem Text von Dr. Christoph Schaden, Köln 2005